„Neue Besen kehren anders“

Künstlerdorf Neumarkt an der Raab © Vanessa BrucknerKünstlerdorf Neumarkt an der Raab © Vanessa BrucknerPetra Schmögner und das Buch über das Künstlerdorf © Vanessa Bruckner

Sie kommt aus einer musischen Familie, bezeichnet sich selbst aber als klassisches Halbtalent. „Ich kann viel, aber nichts wirklich" meint Petra Schmögner, die seit fast vier Jahren das Künstlerdorf Neumarkt an der Raab leitet. Wie sie im Dorf die Vergangenheit aufrecht erhält und gleichzeitig Zukunft schafft, welche Rolle ein Buch dabei spielt und warum Petra Schmögner unserer Meinung nach Vieles richtig gut kann, lesen Sie hier.

 

Kreativwirtschaft Burgenland: Hat sich Deiner Meinung nach das Künstlerdorf Neumarkt an der Raab das Lebensgefühl der 60er Jahre bewahrt? Und wenn ja, was war dafür ausschlaggebend?
Petra Schmögner: Natürlich musste sich vieles verändern, wir leben ja nicht mehr in den 60er Jahren, aber das Spezielle konnte bewahrt werden. Es war der archaische Lebensstil hier, der es den Künstlern ermöglichte sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, das Arbeiten. Bei uns im Künstlerdorf lag und liegt nach wie vor niemand in Liegestühlen herum sondern hier wird gearbeitet. Neumarkt ist mit seinen Möglichkeiten ganz einfach ein hochkreativer Ort.

Kreativwirtschaft Burgenland: Dass sich die Wertigkeiten im Bereich der Kunst verändert haben steht außer Frage. Wie sieht es heute mit dem Künstlerdorf und dessen Wertigkeit in den Augen der Gesellschaft aus?
Petra Schmögner: Vor 40 Jahren haben die Leute noch gedacht, die Künstler sind alles Wahnsinnige. Es war die Zeit des Umbruchs und der neuen Lebensmodelle. Neumarkt war so herrlich einfach und deshalb exotisch für die Künstler. Ein Teil der Einwohner ist den Künstlern schon damals sehr offen gegenübergestanden, der andere Teil hat das ganze Künstlerdorf verflucht und eine zweite Sintflut befürchtet.

Kreativwirtschaft Burgenland: Legt man die Wertigkeit auf die wirtschaftliche Lage um, wo steht das Künstlerdorf heute?
Petra Schmögner: Der bürokratische Aufwand ist viel  größer geworden, weshalb die Gemütlichkeit etwas verloren gegangen ist. Mit unseren zwei Angestellten und zwei Freiberuflern sind wir hier in der Region mit großer Wahrscheinlichkeit der größte Arbeitgeber neben dem Grenzwirt (schmunzelt).

Kreativwirtschaft Burgenland: Wie bringt man das Künstlerdorf finanziell durch die Zeit?
Petra Schmögner: So tot ist die Region Jennersdorf Gott sei Dank nicht mehr. Wir leben hier und heute inmitten einer Tourismusregion, unsere Zielgruppe sind die so genannten Postmaterialisten. Also Leute, denen ein bloßer Thermenurlaub alleine zu wenig ist. In unserer Sommerakademie arbeiten tolle Kursleiter, die enorm viel aus den Teilnehmern rausholen. Natürlich profitiert die Region auch von uns. Schließlich lassen die Kursteilnehmer und Künstler ihr Geld hier. Wir haben im Sommer oft 30 bis 40 Personen pro Woche hier im Künstlerdorf. So viele Zimmer und Betten haben wir dann auch nicht, also zahlt sich das wiederum für die Pensionen und Hotels hier aus.

Kreativwirtschaft Burgenland: Wie schafft man den Spagat, einerseits die Kunst als höchstes Gut zu behalten und dabei das Künstlerdorf wirtschaftlich über die Runden zu bringen?
Petra Schmögner: Dieser Spagat ist tatsächlich sehr schwierig. Als ich den Verein übernahm, stand das Künstlerdorf finanziell am Abgrund. Das lag vor allem daran, dass über die Jahre versäumt wurde ein neues Publikum anzusprechen. Es gab nur Stammgäste, die quasi eine Monopolstellung innehatten. Aber eben dieses Publikum wurde immer älter und älter, neue Gäste wurden förmlich vertrieben. Deshalb war es notwendig, dass jemand wie ich nach all den Jahren frischen Wind in das Dorf gebracht hat. Neue Besen kehren anders. Ich hatte mir zwar nicht vorgenommen, alles anders zu machen, aber vieles besser. Wir haben eine sehr gute Website aufgebaut, viel mit Suchmaschinenoptimierung gearbeitet und neue Kursleiter, also neue Künstler gewonnen. Dadurch kam auch neues Publikum, wodurch das Künstlerdorf mittlerweile auf eine solide wirtschaftliche Basis gestellt werden konnte.

Kreativwirtschaft Burgenland: Was bietet das Künstlerdorf Deiner Meinung nach seinen Künstlern und was bekommt es dafür von ihnen zurück?
Petra Schmögner: Es bietet Ihnen die Möglichkeit in einem professionell ausgestatteten Rahmen in Ruhe arbeiten zu können. Wir kooperieren auch mit vielen Unis und Kunsthochschulen, deren Studenten hier ideale Arbeitsbedingungen vorfinden. Die Studenten können hier in Neumarkt auch nicht aus wie beispielsweise in Wien,  wo das Nachtleben lockt (lacht). Das Dorf wiederum bekommt die Energie der Künstler zurück, teilweise auch deren Reputation. Manche Künstler bringen oft eine gewisse Stilrichtung mit hinein ins Dorf.

Kreativwirtschaft Burgenland: Kürzlich ist das Buch „Das Künstlerdorf Neumarkt an der Raab", welches du gemeinsam mit Peter Vukics verfasst hast, publiziert worden. Wie kam es dazu?
Petra Schmögner: Mir war bald klar, dass ich zuerst einmal die Vergangenheit des Künstlerdorfes aufarbeiten muss, um es in die Zukunft führen zu können. Also zu wissen, was und wer schon alles da war, was es schon an Kursen gegeben hat usw. Für das Buch haben wir über hundert Interviews geführt, Peter Vukics und ich haben uns da richtig reingetigert, weshalb meiner Meinung nach das Buch auch richtig, richtig gut geworden ist. Wir haben es auf der Biennale in Venedig vorgestellt, das Vorwort stammt von Hugo Portisch. Dieses Buch hat großes mediales Interesse geweckt, was sich wiederum natürlich positiv auf das Künstlerdorf auswirkt. Aufgrund des Buches hat sich beispielsweise die Universität von Luxor bei uns gemeldet, die für ihr geplantes Künstlerdorf unbedingt mit uns zusammenarbeiten wollen, weil sie sich von uns etwas abschauen können. Das ist doch ein schönes Kompliment. Außerdem haben sich internationale Kunsthochschulen bei uns gemeldet, die gerne zu uns kommen möchten, auch eine Kooperation mit einem armenischen Künstlerdorf steht im Raum. Und es sind viele berühmte Künstler aufgrund des Buches nach 40 Jahren erstmals wieder nach Neumarkt ins Künstlerdorf gekommen.

Kreativwirtschaft Burgenland: Also hat die Vergangenheit dem Künstlerdorf wieder eine neue Zukunft eröffnet?!
Petra Schmögner: Ganz genau! Der Erfolg des Buches hat uns auch wieder neue Kursleiter beschert. Es ist sozusagen Blut auffrischend für die Lebensader des Dorfes gewesen.­

Zur Person: Geboren wurde die Leiterin des Künstlerdorfs Neumarkt an der Raab im Jahr 1971 in Güssing. Ihre ersten vierzig Lebensjahre verliefen ganz so, wie sich Petra Schmögner auch als Person sieht: immer auf der Suche nach neuen Herausforderungen. Im Anschluss an die Matura absolvierte sie eine wirtschaftliche Ausbildung um danach Kunstgeschichte an der Karl Franzens Universität in Graz zu studieren. Danach arbeitete Schmögner als Maskenbildnerin und Ausstatterin bei Theater- und Filmproduktionen sowie zahlreichen Projekten der Filmakademie Wien. Seit 10 Jahren leitet das „Vieltalent" Petra Schmögner die Stadtbibliothek Jennersdorf, seit 2008 ist sie nicht nur Vorsitzende des Künstlerdorfes sondern auch Präsidentin des Landesverbandes Burgenländischer BibliothekarInnen. 2011 gibt die akademische Kulturmanagerin das Buch „Das Künstlerdorf Neumarkt an der Raab" heraus. Petra Schmögner lebt mit ihrem Mann, dem Künstler Walter Schmögner und ihren beiden Töchtern in Neumarkt an der Raab und in Wien.

Das Interview führte die Journalistin Vanessa Bruckner (Foto unten). Das Interview kann auch als PDF heruntergeladen werden. Ein Teil des Interviews wird im Rahmen einer Kooperation in der Burgenländischen Wirtschaft erscheinen.

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 Vanessa Bruckner Vanessa Bruckner
Journalistin und Fotografin