Windkraft-Fotowettbewerb 2018
Einsendeschluss: 31. August 2018

„Man ist immer an der Grenze zur Selbstausbeutung“

Erich Steiner © Vanessa BrucknerErich Steiner © Vanessa Bruckner

Erich Steiner ist 31 Jahre alt. Er lebt in Wien und in Jennersdorf und er schreibt. Vieles. Und über Vieles. Meist sind dabei zuerst Bilder in seinem Kopf. Deshalb schreibt er auch Drehbücher. Seine größte Angst: dass ein Mensch, den er liebt, sterben könnte. Also schreibt Erich Steiner darüber. Ein Drehbuch, aus dem ein hervorragender Kurzfilm entsteht. In der Hauptrolle: Peter Simonischek. Der ist fasziniert von dem jungen Drehbuchautor. Weil der Junge so viel über den Tod nachdenkt. Uns fasziniert er auch, dieser Erich Steiner. Warum, lesen sie hier.

Kreativwirtschaft Burgenland: Wie kam es zu dem Film „Der Tod und ich auf Reisen"?
Erich Steiner: 2004 habe ich während einer Spanienreise begonnen das Drehbuch für den Film zu schreiben. 2005 hab ich es dann dem Peter Simonischek geschickt. Dann hat es nochmal fast ein Jahr gedauert bis ich dann um 7 Uhr Früh - ich war gerade in Norwegen - einen Anruf von ihm bekommen habe. Durch seine Zusage kam das Projekt richtig ins Rollen, 2007 haben wir gedreht. Meinen ersten Film habe ich allerdings schon mit 19 Jahren produziert. Ganz auf „old school" wie man heute sagt. Gedreht habe ich ihn mit einer einfachen Videokamera. Damals hab ich auch Mario Minichmayr, den Bruder der Schauspielerin Birgit Minichmayr kennengelernt und daraus ist eine Freundschaft und Partnerschaft entstanden die wiederum das persönliche Netzwerk erweitert hat.

Kreativwirtschaft Burgenland: Warum machst du heute das, was du machst?! Drehbücher schreiben also.
Erich Steiner: In meiner Familie sind alle Schauspieler. Vater, Mutter, Opa und so weiter und so weiter. Die Affinität zu dieser Branche war also schon von klein auf da. Ich wollte allerdings selber nie vor die Kamera stehen, dafür aber Filme machen. Die naiven Träume die man eben hat in dem Alter sind bis heute eigentlich noch eine Suche. Dann kamen die ersten Experimente und als dann Peter Simonischek seine Zusage für unser Filmprojekt gegeben hat war dass das Erste Mal ein Zeichen von außen: Achtung, da gefällt jemanden was du machst! Das war für mich ein Startzeichen, eine Legitimation weiterzumachen - außerhalb des luftleeren Raumes, wenn man das so sagen kann.

Kreativwirtschaft Burgenland: Deine Mutter war vor vielen Jahren gemeinsam mit Peter Simonischek an der gleichen Schauspielschule. Hattest du dadurch einen Vorteil ihn für deinen Film engagieren zu können?
Erich Steiner: Das glauben viele. Tatsache ist aber, Simonischeks Zusage für die Rolle hatte nichts mit meiner Mutter zu tun. Die hatten sich bis dahin seit 20 Jahren nicht mehr gesehen. Er hat bei mir zuhause angerufen als ich gerade in Norwegen war um mich darüber in Kenntnis zu setzen, dass er die Rolle gerne spielen möchte - ohne zu wissen, wer meine Mutter, die am anderen Ende der Leitung war, überhaupt ist. Zuerst war also die Zusage dann der „Ahhh, Renate du bist das Effekt". Die beiden kannten sich während der Schulzeit auch nur vom Sehen her und gingen nicht in die gleiche Klasse.

Kreativwirtschaft Burgenland: Peter Simonischek hat in einem Interview über dich einmal gesagt, dass er noch nie einen jungen Menschen getroffen hat der sich so viele Gedanken über den Tod gemacht hat wie du. Woher kommt´s?
Erich Steiner: Ich bin alleine mit meiner Mutter aufgewachsen. Die Angst, dass die Mutter stirbt war bereits im Alter von fünf Jahren da. Dann sterben die Großeltern. Es war bei mir aber immer weniger die Angst, dass ich sterben muss als die Angst dass die, die mir nahe stehen sterben könnten.

Kreativwirtschaft Burgenland: Du schreibst viel. Was gibt es für Unterschiede beispielsweise beim Schreiben eines Buches oder eines Drehbuches?
Erich Steiner: Der klarste Unterschied ist sicher der, dass du beim Drehbuch in Bildern denken musst und nicht in einer Sprache. Ein Film soll sich aus meiner Sicht über Bilder, Gefühle oder Situationen erzählen und erklären können und nicht vorrangig über den Dialog.

Kreativwirtschaft Burgenland: Was ist bei dir zuerst da, das Wort oder das Bild?
Erich Steiner: Das Bild. Eigentlich ist am Anfang nur Atmosphäre in meinem Kopf. Die Bilder entstehen oft wenn ich Musik höre. Es ist eine Art musikalisches empfinden. Film und Musik haben für mich viel gemeinsam weil ein Film direkt die Emotion anspricht und wie Musik „funktioniert". Meines Erachtens nach eher intuitiv und nicht reflektiv.

Kreativwirtschaft Burgenland: Das Budget für deinen Film „Der Tod und ich auf Reisen" war klein. So um die 20.000 Euro, stimmt das?
Erich Steiner: 25.000 Euro waren es ungefähr. Davon kamen circa 80 Prozent nur aus der Privatwirtschaft.

Kreativwirtschaft Burgenland: Dabei fungierten ja viele Ortschaften als Sponsoren. Wie gewinnt man die für so ein Filmprojekt?
Erich Steiner: Damals war es sicher der Simonischek-Faktor, dass muss man ganz klar sagen. Zweitens fand die Produktion des Filmes vor der sogenannten Finanzkrise statt. Aber die Ortschaften, allen voran Fürstenfeld, waren vor allem auch sehr kooperativ.

Kreativwirtschaft Burgenland: Mehr Budget, mehr Möglichkeiten?!
Erich Steiner: Wir haben versucht für unseren aktuellen Kurzfilm, mit Johannes Silberschneider, einem international renommierten Schauspieler in der Hauptrolle, ein Budget aufzustellen damit wir jedem Mitwirkendem zumindest 50 Euro am Tag bezahlen können. Dafür hätten wir in Summe ungefähr 90.000 Euro gebraucht. Diese Summe war von offizieller Seite her aber nicht zu bekommen, da wird man dann sofort wieder in die Schiene „ihr produziert einen Kurzfilm, ihr müsst mit 20.000 Euro auskommen" gedrängt. Und dadurch wirst du wieder gezwungen Freunde und Bekannte zu bitten umsonst mitzuarbeiten und bist an der Grenze zur Selbstausbeutung - wie immer eben.

Kreativwirtschaft Burgenland: Aber kann ein Film nicht auch mit klitzekleinem Budget ein guter Film werden?
Erich Steiner: Natürlich, nur das Gefühl dass ich habe wenn ich meine Crew bezahlen kann, ist ein ganz anderes weil das ganze Projekt dadurch auch eine andere Wertigkeit bekommt. Im Grunde geht es immer um die Wertigkeit im Berufsleben. Warum sind gewisse Jobs die der Gesellschaft keinen realen Wert bringen, nur einen fiktiven, nämlich mehr Geld, oft so gut bezahlt und jene, die der Gesellschaft einen klaren Wert bringen wie beispielsweise ein Lehrer oder Berufe im Sozialbereich, warum hat man für diese Jobs so wenig Geld übrig?

Kreativwirtschaft Burgenland: Welchen wirtschaftlichen Stellenwert hat der Film deiner Meinung nach hier im Burgenland?
Erich Steiner: Wenn der Film touristisch etwas aufwerten kann, dann hat er hierzulande, so meine ich, einen besseren Stellenwert. Ich denke da an Produktionen wie der Winzerkönig beispielsweise. Aber natürlich kann ein Film auch an Stellenwert gewinnen wenn er bei größeren Filmfestivals für Aufmerksamkeit sorgt und so wieder der Region Aufmerksamkeit von außen beschert. Was man aber unbedingt sagen muss ist, dass der österreichische Film qualitativ viel besser ist als es die Größe des Landes eigentlich erwarten lässt. Fast jedes Jahr ist eine österreichische Produktion bei den großen Filmfestivals dieser Welt vertreten, das ist schon toll. Ein Freund von mir hat die Frage nach der Wertschätzung der eigenen Kulturgüter auf den Punkt gebracht. Er meinte, in Österreich wäre alles gut was von Außen kommt, außer die Menschen. Das hängt wohl mit unserer Geschichte zusammen. Seit dem Zweiten Weltkrieg haben die Österreicher ein mangelndes Selbstwertgefühl und wenn wir das nicht hätten, hätten wir nicht so Angst vor unserer Umgebung und würden nicht so verdrängen.

Der österreichische Film ist oft sehr hart und morbide. Vielleicht schauen sich viele Landsleute deshalb lieber Hollywoodfilme an, weil die oft leichtere Kost bieten und einen nicht dazu zwingen sich durch „österreichische Herangehensweise" mit der eigenen Geschichte auseinandersetzen zu müssen.

ZUR PERSON: Erich Steiner wurde 1980 in München geboren. Er studierte an der Uni Wien Film-, Theater- und Medienwissenschaften sowie Politikwissenschaften und Philosophie. Seit 2001 arbeitet er laufend als Regie- oder Produktionsassistent bei diversen Produktionen wie beispielsweise dem Cultfilm „Move" mit. Außerdem schrieb Steiner bereits zahlreiche Drehbücher und führte bei deren Verfilmung auch Regie.

Die Fotos und das Interview stammen von der  Journalistin Vanasse Bruckner (Foto unten). Ein Teil des Interviews wird im Rahmen  einer Kooperation in der Burgenländischen Wirtschaft erscheinen.

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 Vanessa Bruckner Vanessa Bruckner
Journalistin und Fotografin